BWL-Snob und Informatik-Nerd?
Geschrieben am 03.12.2009 um 08:46 Uhr von Daniela Krüger
In den letzten Tagen bin ich immer mal wieder über die stereotype Einstellung von Informatikern und BWLern gestolpert. Nicht zu letzt die Kommentare zu meinem Artikel, was ein Web Publisher überhaupt macht, hat mich zum Nachdenken gebracht.
Aber wie ist es denn wirklich? Denkt der BWLer wirklich, Informatiker sind alle Nerds, die zu Hause nur in ihrem Kämmerlein vor sich hin programmieren, installieren, konfigurieren und zocken? Ist die Meinung des Informatikers über einen BWLer wirklich immer von Polohemden, gegelten Frisuren und einem überheblichen Auftreten geprägt?
Ich denke nicht und trotzdem kommt man an bestimmten Vorurteilen nicht vorbei. Erst neulich habe in einem Gespräch mit einem BWLer die Aussage gehört: „Mhm na ja bei den langhaarigen Informatikern muss man in einem Vorstellungsgespräch sicher anders vorgehen als bei einem BWLer.”
Also ich kenne einige Informatiker in meinem Umfeld und nicht einer hat lange Haare. Noch dazu arbeitet einer bei unter BWLern sehr beliebten Consulting-Firma. Und dass man im Vorstellungsgespräch eines Softwareentwicklers anders vorgeht als bei einem Marketing-Experten, sollte auch klar sein - zumindest die Fachfragen sind andere.
Auf der anderen Seite muss ich aber auch mal die Gilde der BWLer verteidigen. Ich weiß bestens, dass das Studium keine Ponyhof ist. Noch dazu hat man ständig das Gefühl - vor allem im technischen und naturwissenschaftlichen Umfeld - sich gegen das Vorurteil, nichts Richtiges gelernt zu haben, verteidigen zu müssen. Auch nicht schön.
Besser wäre es, sich von diversen Bewertungen zu distanzieren, wenn man sich nicht auskennt. Schließlich gibt es ja auch so was wie Arbeitsteilung - und da ist jeder Spezialist auf seinem Gebiet. Wenn jemand meint, er könne die Arbeit des anderen genauso gut, der kann mich gern mal einen Tag begleiten.
Themenbereich(e): Allgemein
14 Kommentare zu „BWL-Snob und Informatik-Nerd?”
Martin
#2
Das Vorurteil von Strangerli mag ich gerne bestätigen. Auch wenn ich kein Informatiker bin, wundere ich mich doch des öfteren über Stellenanzeigen, in denen ein Informatiker gesucht wird, der Java, C++, Python, Ruby und am besten noch ein Dutzend weiterer Programmiersprachen aus dem FF können soll, gleichzeitig Webdesigner ist und das mittelständige Unternehmensnetzwerk administrieren soll. Existieren solche Leute?
Zu BWLern gibt es so fantastisch vielfältige Vorurteile…
Das “nichts Richtiges gelernt”-Vorurteil kenne ich in dem Sinne, dass sie Projekte managen, von dessen Inhalten sie nichts verstehen - und dass daraus dann krasses Miss-Management entsteht. Da ist bestimmt auch häufig etwas Wahres dran. Die andere Seite der Medaille/Frage: Würde das Projektmanagement besser funktionieren, wenn es kein BWLer tun würde?
Noch viel häufiger höre ich aber das Vorurteil, dass für BWLer alles nur aus Zahlen besteht - auch Menschen mit ihrem Engagement, ihren Fähigkeiten, Wünschen,… Das sehe ich bei einigen Controllern, die ich kenne, auch bestätigt. Ganz wertfrei gemeint, die zugrundeliegende gesellschaftliche Debatte um das Für und Wider dahinter möchte ich hier nicht anfangen
@Strangerli: Ja, diese Erwartungshaltung, man könne alles im IT-Bereich, nur weil man Informatik studiert hat, kenne ich auch aus der BWL. Nur weil man BWL studiert hat, kann man deswegen noch keine Lohnsteuererklärung machen, die alle Tricks und Kniffe schon beinhaltet. Der Zugang zu diesem Wissen ist vielleicht leichter, aber es gibt Gründe, warum man sich im Studium spezialisieren kann und sollte.
@Martin: Die Sache mit dem Missmanagement ist, glaube ich, ein großes Problem, warum es solche Vorurteile gibt. Viele Techniker, ITler und Naturwissenschaftler glauben aber, dass es einfacher ist, ein bisschen Projektmanagement zu lernen als andersherum: Wenn der BWLer die Technik verstehen muss. Aber wie oft erlebt man es denn, dass sich die Techies zu lange und zu kleinteilig in ein Projekt verrennen und das große Ganze aus den Augen verlieren? Ich denke, das wichtigste ist einfach, die Kommunikation zwischen beiden Seiten. Das gilt im Übrigen auch zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer.
Was für ein tolles Thema, Vorurteile!!
Ich habe das Vergnügen jeden Tag die Klischees der Studiengänge beobachten zu können, wenn ich von früh bis spät an der Uni bin und die meiste Zeit in der Bibliothek für Rechts- und Wirtschaftswissenschaften verbringe. Obwohl ich selbst BWL studiere, würde ich wahrscheinlich auch als Biologin o.ä. durchgehen, da mir das Poloshirt und die Perlenohrringe fehlen.
Zu den genannten Vorurteilen:
“nichts Richtiges gelernt” - Kann nicht sein! Wir wissen nahezu alles! ![]()
“für BWLer besteht alles nur aus Zahlen” - Diese These ist mittlerweile überholt, da die Bedeutung von Marketing, Personal & co deutlich zugenommen hat und damit auch die Frauenquote. Man glaub gar nicht, wie viele Kommilitonen mir schon gesagt haben, dass sie Mathe hassen…
Auch ich habe vor kurzem einige lustige Klischees zum Anlass genommen, um einen Blogartikel darüber zu schreiben. (http://gedankenmonitoring.wordpress.com/2009/11/17/klischee-hoch-drei/ )
So, ich muss dann mal weiter uuunheimlich wichtig sein und meinen neuen Schal präsentieren…
Liebe Grüße
Tom
#5
Ich glaube das eigtl. Problem ist, dass BWLer gern in Leitungspositionen eingesetzt werden ohne den technischen Bereich durchlaufen zu haben. Sie haben nicht einfach “keine Ahnung”, sondern sie haben keine Produktvision. Ohne Produktvision ist man aber für solche Führungspositionen ungeeignet. Es reicht als Vision einfach nicht, die Aktionäre mit guten Zahlen beglücken zu wollen oder bestimmte Renditeziele zu erreichen. In der Folge denken diese Leute häufig zu kurzfristig und das fällt in den unteren Etagen - nicht nur bei der IT - auf. Das Ergebnis ist Mißmanagment, in Form des “Management by Champignon”. Dies führt dazu das die Ziele eben nicht erreicht und erfahrene Mitarbeiter systematisch frustriert werden. Die Folgen dürfen die unteren Etagen in Form von Lohnkürzungen oder Entlassungen ausbaden.
Das nächste Problem ist, dass einige BWLer denken sie seien zum Anforderungsanalysten berufen, nur weil sie das Wort “Pflichtenheft” buchstabieren können. Dabei vergessen sie, dass es einen Grund gibt warum dies ein eigener Berufszweig innerhalb der Informatik und eben nicht der BWL ist. Es gibt eben einen guten Grund, weshalb ein Software Engineer 2 Jahre lang Vertiefung in Analyse und Design von Softwareprojekten an der Uni hat.
Verständlicherweise sträuben sich die Anforderungsgeber dann heftig gegen den Teil agiler Entwicklungsmethoden, welcher die Leistungen des Anforderungsgebers transparent macht und verlangt, dass ein “Pflichtenheft” eben keine gottgegebene Sache, sondern bestenfalls Verhandlungsbasis ist und selbstverständlich vom Anforderungsgeber (nicht vom Entwickler) ständig gepflegt und aktualisiert werden muss. Insbesondere müssen auch technische Anforderungen und Constraints, sowie die gern vergessene Zuordnung von Zugriffsrechten dokumentiert werden. Viele Pflichtenheftschreiberlinge sind aber der Meinung, eben solche Dinge hätten sie nicht nötig - die IT-Abteilung solle mal “selbst denken”. Abgeliefert werden dann (falls es überhaupt schriftliche Anforderungen gibt) zum Teil seitenweise 1:1 aus völlig artfremden Projekten kopierte Generalfloskeln und tonnenweise schlecht oder gar nicht dokumentierte Excelorgien.
Die Folgen sind absehbar: Projekte liefern nicht was der Kunde wollte, kommen zu spät, kosten zu viel Geld, Überstunden, Frustration. Und wer ist hinterher der Schuldige? Nein: nicht der BWLer der falsche und unvollständige Anforderungen weitergeleitet hat, sondern der Informatiker der das Projekt umgesetzt hat. Denn der Informatiker hätte “nicht verstanden worum es geht”. Nun: wir hätten sie gern verstanden, aber die feinen Herren reden doch nicht mit uns! Geschäftsleitung redet nur mit Geschäftsleitung, Management redet nur mit Management und der IT-Projektleiter darf hinterher demütig anhören, was “Gott” gesprochen hat. Grandios!
So ziemlich jeder Informatiker hat das in seinem Leben mindestens 1x von A-Z durch. Ich glaube genau deswegen sind solche Leute für die meisten ITler ein rotes Tuch. Weil die Schnittstelle zwischen BWL und Informatik unbesetzt bleibt und die BWLer nicht mit den ITlern reden (wollen). Viele sind der Ansicht, sie hätten das nicht nötig.
Strangerli
#6
Verrennen kann man sich in einem Projekt eigentlich nicht. Wenn man aber Anweisungen bekommt, die eine ganz andere (und problematischere) Arbeitsrichtung und -reihenfolge beinhaltet, ist das Konzept im Eimer. Man kann keine Übersicht haben wenn sie von anderen (besonders einsichtslose Menschen) durcheinander gebracht wird. Der Vergleich ein Dach auf ein Haus zu setzen wo noch kein Haus oder gar ein Fundament steht kommt am besten hin. Ein weiterer Grund ist das Micromanagement. Änderungen anweisen die völlig unnötig sind und keinen Nutzen haben und damit kostbare Projektzeit nehmen. Wenn man mit einem ITler arbeitet dann muß man mit ihm arbeiten und nicht ihm sämtliche Entscheidungen widerspruchslos vordiktieren. Oft kann man durch ein Miteinander sogar ein viel besseres Ziel erreichen als mit festen Vorgaben, da der ITler letztendlich eine Richtung bekommt und diese in einem Gespräch sogar noch aufwerten und verbessern kann. Das könnte sogar in Richtung Innovation gehen. Jeder möchte heutzutage seinen Daumenabdruck auf einem Projekt haben und damit aussagen “Das habe ICH gemacht”. Das Miteinander ist dabei ein entscheidender Erfolgsfaktor.
Ein BWLer kann auch nichts gegen stupide Anweisungen, die er/sie bekommt, machen. Da sitzen alle Berufe im gleichen Boot.
Tom
#7
Im Übrigen bin ich aber der Meinung, die ITler sollten versuchen sich ihren BWLer ordentlich zu “erziehen”. Die Anforderungen sind das “Produkt” des Anforderungsgebers. Fehlerhafte Anforderungen sollten deshalb solange zurückgewiesen werden und das Projekt nicht starten, bis die Anforderungen eine akzeptable Qualität haben.
Danach sollte über die Anforderungen verhandelt werden im Sinne des: “Du kannst dieses Feature haben wie du es beschrieben hast, aber das kostet dich 2 Wochen extra. Wenn du hingegen auf diesen Teil verzichtest und wir es ein wenig anders umsetzen, kostet es nur 2 Tage.”
Dank SCRUM können wir solche Dinge machen: sofern die Geschäftsleitung mitspielt. Im Endeffekt hilft dies allen Beteiligten. Voraussetzung bleibt, dass der Anforderungsgeber nicht wieder mit dem Totschlagsargument kommt: “ich bin zu wichtig dafür und habe keine Zeit”.
Strangerli
#8
["Fehlerhafte Anforderungen sollten deshalb solange zurückgewiesen werden und das Projekt nicht starten, bis die Anforderungen eine akzeptable Qualität haben."]
Das wäre allerdings für viele eine Arbeitsverweigerung.
Man bekommt gerne die Konkurrenz vorgesetzt und man wird gefragt warum die das haben oder wieso es bei denen geht. Wenn man dann mit der Arbeitskraft und den Kosten zusätzlicher Software kommt, die Kompatibilität sowie evtl. einer Schulung (man kann beim besten willen nicht alles wissen), so zieht das dann auch nicht mehr. Und wenn man hört das die Suchtechnologie Monster 72,5 Millionen Dollar gekostet haben soll (international), dann bleiben jenem die Worte im Hals stecken. Damit ist Erziehung allerdings wirklich möglich, weil es Fakten sind.
Martin
#9
Uiuiui, hier prallen ja wieder Welten aufeinander, habe ich das Gefühl ![]()
Ich stimme jedenfalls Daniela voll und ganz zu, dass die Kommunikation zwischen den Teammitgliedern und Auftraggebern/Auftragnehmern funktionieren muss. Das Hineinversetzen in den anderen ist oft der Schlüssel: *Warum* stellt der BWLer absurde Anforderungen (weil er wiederum den Druck von weiter oben/von der Wirtschaft kriegt; weil er nicht allwissend ist und deshalb die Schritte nicht nachvollziehen kann, die nötig sind;…)? *Warum* verschiebt sich dieses Feature und damit womöglich das gesamte Projekt (weil es einen in letzter Minute entdeckten fetten Bug gab und der neue Code erst ausführlich getestet werden muss; weil Informatiker nicht zaubern können; weil es ein Sicherheitsloch im adaptierten Code gibt;…)? Sich das gegenseitig offen zu erklären braucht Zeit, oft einen großen Sprung über seinen Schatten und manchmal einen neutralen Dritten.
Das lässt sich imho übrigens auf so gut wie alle interdisziplinär bearbeiteten Projekte übertragen.
chris
#10
Naja, ich studiere Informatik und es gibt sie zu Hauf… die totalen Freaks, die schon vor 5 Jahren einen Friseurbesuch nötig gehabt hätten. Teilweise gibt es schon sehr krasse Fälle, die sich nicht von ihrem Notebook trennen lassen (schon gar nicht am Wochenende). Feiern gehen oder einfach mal Abends zusammen einen trinken gibt es in deren Welt nicht. Man muss nur mal in die Mensa schauen, man sieht wirklich was die Leute studieren. Bei Informatik ganz besonders. Die Vorurteile werden leider oft genug bestätigt.
Gott sei Dank gibt es aber auch mindestens genau so viele normale Leute, die Informatik studieren. Sonst würde ich glaube ich auch durchdrehen. Viele von den “Normalo-Informatikern” schaffen es auch hinterher in Spitzenpositionen bei Capgemini, SAP, etc. Also in der Tat Positionen von denen so mancher BWLer träumt. Die Freaks wollen glaube ich gar nicht in die Beratung, weil sie entweder null Karrieregeil sind oder einfach einen Job wollen bei dem sie von 9 bis 5 vorm Rechner hocken können.
Strangerli
#11
Ein IT-Arbeitsplatz mit einer Arbeitszeit von 9 bis 5? Wenn sich das in den Branchen überall ändert warten rosige Zeiten auf ITler. Nie wieder kurz vor Feierabend eine “wichtige” und “dringende” Aufgabe erledigen zu müssen wäre eine Zukunft, bei denen auch die “Nicht-Normalo-Informatiker” mal die Zeit haben Abends auszugehen.
Jetzt beginnen wir von Normalos und Nicht-Normalos zu sprechen (Was ist normal?), Subkategorien der Informatik, IT-Führungskräfte, deren Vor- und Nachteile sowie das Peter-Prinzip. Aber dann würden wir die BWL-Menschen, auf den der Klischee-Vergleich des Blogs zielt, ausschließen.
Marcus
#12
“und da ist jeder Spezialist auf seinem Gebiet”
ist ein BWLer nicht eher ein Generalist?
Grüße
Marcus
@Marcus: Das hängt sicher von der Betrachtungsweise ab. Nehmen wir mal an, der BWLer ist Projektleiter, der Orga- und Management-Aufgaben übernimmt, alles kontrolliert und delegiert. Aus Sicht der anderen Projektteilnehmer, die alle spezielle Aufgaben in dem Projekt übernehmen, ist der BWLer sicher der Generalist. Aus einem anderen Blickwinkel kann man aber auch sagen, dass der BWLer ein Spezialist auf dem Gebiet des Projektmanagements ist.
[...] daran arbeiten. Da ist es erforderlich, sich abzusprechen und auszutauschen - das Klischee des Informatik-Nerds, der in seinem dunklen Kämmerlein sitzt und vor sich hinprogrammiert darf also nicht [...]
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Strangerli
03.12.2009, 11:03 Uhr
#1
Die ganzen Informatikberufe sind auch kein Ponyhof. Und wer behauptet denn das BWL “nichts richtig gelerntes” sein soll? Ich höre das zum ersten Mal. Mir fehlt ein sehr wichtiges Vorurteil in dem Text: Viele glauben das Informatiker automatisch alles wissen und können was mit Computer zu tun hat. Der berühmte Satz “Sie arbeiten/machen doch mit Computer. Könnten Sie mal…” ist sehr nervig. Das ist so als würde man zu einem Maurer sagen “Sie sind doch Handwerker…” und fragt ihn Dinge über Möbelrestaurierung oder andere Holzarbeiten. Jeder IT-Beruf ist anders mit einer anderen Ausbildung.
Außerdem gibt es das Vorurteil wo die Leute glauben alles würde sehr schnell gehen. Viele haben keine Vorstellung davon wie lange man bei manchen Projekten sitzen muß, bis diese fertig sind. Monster gab z.B. 6 Monate als Zeitraum für die Überarbeitung und des Relaunchs an.