Schluss mit Feierabend

Geschrieben am 03.09.2008 um 07:45 Uhr von Isa Schmiedgen

 

Eine sehr schöne Frage ziert die Print-Ausgabe des ZEITmagazins Leben vom letzten Donnerstag: Was machen die Deutschen im Bett? Romatische Fantasien haben hier doch wenig bis gar keinen Platz, denn eine nicht geringe Anzahl checkt doch tatsächlich vor dem Schlafen gehen noch einmal E-Mails. Und es handelt sich im Kontext des Titelthemas leider nicht um die erotisierende Sorte von E-Mails, die einem die Freundin aus Brasilien schickt, sondern um lustige Ideen des Chefs, man könne doch noch mal eben schnell bis morgen früh … Schande über den, der den Schlaf erfunden hat!

Jaja, da könnte man das Handy manchmal einfach aus dem Fenster werfen. Ausmachen würde auch helfen, aber was ist, wenn man was Wichtiges verpasst? Oder wenn ich selbst an Wichtigkeit verliere, weil man mich prinzipiell nach 22 Uhr nicht mehr erreicht und niemand mehr versucht, mich anzurufen? Die Welt würde nicht untergehen, immerhin gab es sie schon sehr lange ohne ein einziges Handy, das für ihren Fortgang hätte klingeln müssen. Aber irgendwie glauben offenbar sehr viele Menschen, sich dafür rechtfertigen zu müssen, wenn sie sich tatsächlich dem sehr natürlichen Bedürfnis der physischen und psychischen Auszeit hingeben. Es gar vom Feierabend als “Unterschichtenphänomen” die Rede. Feierabend haben Handwerker und Verkäuferinnen (Wobei sich die Frage stellt: DAS soll die Unterschicht sein? Ich dachte immer, am Grade der Intelligenz bemisst sich eine derartige Gruppe und nicht daran, welche Berufsgruppe man angehört und welche Arbeitszeiten man hat!)

Wofür wurden denn das Handy und das Notebook erfunden? Man könnte meinen, der Mensch versklavt sich freiwillig mit den Gerätschaften, die eigentlich sein Leben erleichtern sollten. Immerhin können wir von zu Hause aus arbeiten, in der U-Bahn Nachrichten gucken und mit dem mp3-Player Daten von A nach B schleppen, ohne uns einen Bruch an einem Berg von Aktenordnern zu heben. Annehmlichkeit, Arbeitserleichterung, mehr Freizeit, effizienteres Arbeiten, schnellere Kommunikation … das waren die Ideale, die hinter der Erfindung des BlackBerry standen. Und mit Kommunikation war eher gemeint, sich nach getaner Arbeit mit den Freunden im ICQ oder dessen Äquivalenten zu treffen und nicht, um 23.16 Uhr noch schnell eine PowerPoint-Präsentation, die man nach einem Zwölf-Stunden-Tag zu Hause schnell fertig gestellt hat, noch an die Kollegin zu verschicken. Bei näherer Betrachtung neige ich dazu, Adam Soboczynski recht zu geben in seiner Diagnose: Alle jene, die sich in diesem Artikel wiederfinden, sind scheinbar verrückt geworden.

Statt einfach den Rechner auszumachen, sich mit der Freundin in die Badewanne zu knallen und einen Piccolo zu schlürfen, ist man 24/7 online und muss zur Vermeidung von Halluzinationen wegen Schlafmangel, von Magengeschwüren und Herzinfarkten ein paar Jahre später ganz abgesehen, einen Haufen Geld für fernöstliche Entspannungskurse ausgeben. Was früher eher zum Bild des Managers eines Großkonzerns gehörte, ist nun auch Teil des Selbstbildes von Berufsgruppen, die sich in irgendeiner Form näher als an die Excel-Tabellen und Word-Dokumente des PC heranwagen: Journalisten und Journalistinnen, Marketing- und Werbemenschen, SoftwareentwicklerInnen … Die schöne neue Welt, für viele dieser Menschen hat sie scheinbar nur eines zu bieten: Mehr Arbeit, Kommunikations- und Informationsüberflutung.

Aber sind wir nicht selbstbestimmt? Also Rechner, Handy, Notebook aus, AB an und ab ins Kino, Film gucken, ein Glas Wein hinterher und ins Bett OHNE E-Mails zu checken, sondern mal wieder Körperkontakt suchen. Arbeiten ist morgen wieder!

 

Themenbereich(e): Allgemein, Job&Karriere

 

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